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Schwarz-Weiß: Alles oder nichts

Einmal im Monat treffen sich unser UX/UI- und Marketing-Team zu einer Inspirations-Session unter dem Motto „What’s NEXT?“.

Jedes Mal bereitet eine*r von uns eine kleine Präsentation vor, mit Dingen, die sie oder er in letzter Zeit entdeckt hat und inspirierend fand. Dabei kann es sich um alles Mögliche handeln: innovative Konzepte, interessante Apps, neueste Technologien, Design, Kunst …

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Alexandra Bosen
Creative Director

Diesmal war ich an der Reihe und hatte vor, ein Moodboard aus Dingen zu gestalten, die mir persönlich gefallen und die ich inspirierend finde. Also fing ich an, Dinge um mich herum zu sammeln. Mein Plattenspieler. Meine Lautsprecher. Die Bilder an der Wand. Meine Möbel. Meine Platten. Dabei ist mir sehr schnell aufgefallen, dass ziemlich alles davon eines gemeinsam hat: Es ist schwarz-weiß. Ich hatte das nie bewusst so entschieden – es war einfach passiert. Aber je länger ich hinsah, desto klarer wurde mir: Das ist kein Zufall. Schwarz-Weiß fühlt sich für mich richtig an. Ruhig. Klar. Ehrlich.

Schwarz-Weiß ist der größtmögliche Kontrast: Positiv und Negativ, Licht und Schatten. In Geschichten verkörpert Weiß oft das Gute, während Schwarz die böse, dunkle Seite darstellt. Maximale Polarisierung. Klare Entscheidungen. Keine Grauzonen.

 

„Schwarz-Weiß bedeutet für mich als Designerin Kontrolle über das Visuelle: nichts lenkt ab, nichts schreit, alles ordnet sich unter."

 

Schwarz-Weiß ist die Reduzierung aufs Wesentliche – sowohl im Produktdesign als auch in der Kunst. Minimalistisches Design konzentriert sich auf die Kernfunktion und verzichtet auf alles Unnötige. Meine Möbel sind weiß und verschmelzen mit der Architektur, als ob sie gar nicht da wären. Nichts will sich in den Vordergrund drängen. Alles tut einfach, wofür es da ist. Genau wie meine Geräte: der Plattenspieler, die Lautsprecher – alles minimalistisch in Schwarz und Weiß. Auch die Bilder an meiner Wand sind schwarz-weiß. Neutral. Zeitlos. Still. Ich merke, wie mich das beruhigt. Wie wenig es fordert. Wie viel Raum es lässt. Ich glaube, deshalb funktioniert auch die Mental-Health-App „stoic.“ für mich so gut. Sie ist komplett schwarz-weiß. Keine Farben, die mir sagen, wie ich mich fühlen soll. Keine Reize, die mich ablenken. Nur ich und meine Gedanken.

Farben sind laut. Sie wollen etwas von uns. Sie erzeugen Emotionen, Assoziationen, Stimmungen. Und sie altern. Was heute modern ist, wirkt morgen schon falsch. Schwarz-Weiß dagegen bleibt.

Das einzige Bild, das in meinem Wohnzimmer hängt, ist „Hold On“ von Ruben Ireland. Es zeigt eine Frau mit einem schwarzen Hut und einer maskenhaft schwarz geschminkten unteren Gesichtshälfte. Der Körper ist dunkel, in der Brust ein weißes Herz. Positiv und Negativ spielen hier verrückt. Ist der Hut vielleicht doch eher ein schwarzes Loch? Sollte die obere Gesichtshälfte nicht im Schatten sein und die untere hell? Je länger ich das Bild ansehe, desto weniger weiß ich, was vorne und was hinten ist. Genau das fasziniert mich. Diese Spannung. Diese Unsicherheit. Dieses Spiel mit Wahrnehmung.

 

„Schwarz-Weiß kann gleichzeitig klar und rätselhaft sein."

 

Die Schwarz-Weiß-Ästhetik wird in Film und Fotografie als Stilmittel verwendet. Zum Beispiel in dem von Anton Corbijn inszenierten Film „Control“, einem meiner Lieblingsfilme. Oft werden Bilder und Szenen, die die Vergangenheit darstellen sollen, mit einem Schwarz-Weiß-Filter versehen. Farbe verblasst mit der Zeit – Erinnerungen sind wohl schwarz-weiß.

Schwarz-Weiß abstrahiert. Es nimmt der Welt ihre offensichtliche Oberfläche und zeigt nur noch Form, Licht, Struktur. Und plötzlich sieht man mehr.

Musik ist ein riesiger Teil meines Lebens. Ich lege gerne Vinyl auf und sammle Schallplatten. Eine Zeit lang hatte ich regelmäßige Livestreams auf Twitch, bei denen ich Punkrock aufgelegt habe. Es war von Anfang an klar, dass der Stream schwarz-weiß sein muss. Keine Diskussion.

Auf Instagram poste ich Fotos meiner Platten – natürlich auch in Schwarz-Weiß. Manchmal kaufe ich extra farbige Special Editions, nur um sie dann farblos abzubilden. Die Farbe ist da, aber man sieht sie nicht. Man muss sie sich vorstellen. Das macht es für mich erst interessant.

Auch bei der Entwicklung unserer Firmen-CI habe ich mich dabei ertappt, wie ich über Farbe nachdenke. Brauchen wir dieses Rot wirklich im Logo? Oder ist ein Zeichen in Schwarz oder Weiß nicht viel stärker?

Viele Designermarken (auch Apple zum Beispiel) verzichten konsequent auf Farbe und wirken dadurch hochwertig und souverän. Allein die Form bzw. der Schriftzug sorgt für Wiedererkennung. Die Produkte stehen im Vordergrund, die eigene Identität tritt selbstbewusst zurück und ist nur noch als eine Art Stempel präsent.

 

 

Genauso wie Icons. Ein An-/Aus-Symbol braucht keine Farbe. Nur eine Form. Erst kürzlich habe ich gelernt, dass es eigentlich eine Kombination aus 1 und 0 ist. Binär. Strom an. Strom aus. Ja. Nein.

Wie Schwarz und Weiß.

Am Ende geht es vielleicht genau darum: um Entscheidungen. Um Klarheit. Um Reduktion. Um den Mut, Dinge wegzulassen.

Alles oder nichts.